jeudi 2 février 2017

Zu Richard Wagner's Tod von Ferdinand Avenarius




Zu Richard Wagner's Tod von Ferdinand Avenarius


     Und so wäre es denn wahr:
    Richard Wagner ist todt! Wir wollten's nicht glauben, daß er auch einmal alt werden, daß er gar sterben könne, er, der, so lange mir ihn kennten, nur wuchs und wuchs, der in jedem seiner Weise in vollerer Manneskraft vor uns zu treten schien. Und doch ist's wahr, Richard Wagner weilt nicht mehr unter uns. Noch ein erhabenes werk schuf  er und fast ohne Krankheit trat er aus unserer Mitte. Wahr- lich, hätte dieser Mann im Alterthum ein solches Leben so geschlossen - die Mythenbildung hätte sein Scheiden verklärt, und wie bei dem des Pythagoras würde die staunende Welt nicht sagen: er ist todt, sondern : er ist zu den Göttern entrückt. 
     Aber der Künstler Wagner lebt ja noch! Er wird leben und uns vom Alltagsleben zu kreier Höhe emporziehen , so lang uns seine Klänge durchrauschen. Der Mensch Richard Wagner, der kleine große Mann mit dem entschlossenen Mund, den durchbringenden Augen, der gewaltigen Stirn - seiner freilich werden wir uns nie mehr erfreuen. Und wie wir einem treuen Freund, der auf immer von uns geht, noch einmal recht tief und innig in's Antlitz schauen, uns seine Züge treuer zu bewahren, so suchen wir uns heut die Züge tiefer einzuprägen, die das Bild des Menschen int Geschiedenen formten.
   Ein wenig dazu soll auch das Folgende beitragen. Nicht aber von dem Wagner der letzten Jahrzehnte will ich sprechen, nein, von dem Wagner will ich erzählen, von dem noch kein Musiker sprach, den Keiner kannte, als der, der mit ihm verkehrte - vom Knaben Wagner. Und keine Biographie will ich geben : der Abriß seines Lebens ist ja uns allen bekannt, uud wär's auch nur durch jenen Aussatz, den die ,,Gartenlaube" vor ein paar Jahren brachte. Ein wenig plaudern wollen wir zusammen, mein lieber Leser, wie wir von theuren Todten in der Dämmerstunde zu plaudern gewohnt sind - taucht doch ihr Bild klarer vor uns heraus, wenn wir statt Daten und Jahreszahlen dem freundlichen Gruß kleiner lieber Erinnerungen lauschen, wie sie kommen und gehen und uns anheimelnd durch die Seele klingen.

in Die Gartenlaube (1883). Leipzig,  Ernst Keil, 1883, Seite 220.

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